Nahwärme stößt auf großes Interesse

Nicht jede Sitzung des Gemeinderats ist so gut besucht wie die Sondersitzung zum Thema „Nahwärme in Pfronstetten“. Dies zeigt: Interesse ist da!.

Mit einer umfangreichen Sitzungsvorlage, die inhaltlich vorab auch auf der Internetseite der Gemeinde veröffentlicht wurde, hatte die Gemeindeverwaltung in das Thema eingeführt. Mit Jörg Dürr-Pucher vom Beratungs- und Beteiligungsunternehmen Clean Energy (www.clean-energy.biz) und Abrahim Dold von der Klimaschutzagentur des Landkreises Reutlingen (www.klimaschutzagentur-reutlingen.de) wurden zwei ausgewiesene Fachleute eingeladen, um das anspruchsvolle Thema dem Gemeinderat und den zahlreichen Besuchern näher zu bringen.

Voraussetzung für den Einstieg in ein solches Verfahren ist die Ermittlung der Ist-Situation. Deshalb soll ein sogenanntes Quartierkonzept erstellt werden, bei dem alle in Frage kommenden Gebäude erfasst und deren Eigentümer kontaktiert werden. Idealerweise sind diese an einem Anschluss interessiert und geben Auskunft über ihre jährlichen Wärmeverbräuche – beispielsweise in Liter Heizöl. Die Grundstückseigentümer können von diesem Quartierkonzept in besonderer Weise profitieren: Sie erhalten zum Nulltarif eine individuelle Beratung zum Thema Wärmeschutz, die hierfür entstehenden Kosten teilen das Land und die Gemeinde. Abrahim Dold berichtete, dass solche Konzepte in zusammenarbeit mit der Klimaschutzagentur schon in mehreren Gemeinden erstellt wurden, zuletzt auch in der Nachbargemeinde Gomadingen. Erfahrungsgemäß sind die Gebäudeeigentümer hier sehr kooperativ, profitieren sie doch auch ganz erheblich von den Ergebnissen.

Die technische und organisatorische Seite wurde anschließend von Jörg Dürr-Pucher beleuchtet – in Pfronstetten kein Unbekannter. Dürr-Pucher war bereits 2014 zu Gast in der Gemeinde, bei der ersten und damals noch sehr spärlich besuchten Informationsveranstaltung zum Thema Windkraft. In einer ausführlichen Präsentation stellte vor, was in Pfronstetten beim Thema Nahwärme denkbar wäre: Nämlich ein Netz, dass bei ausreichendem Interesse alle Gebäude in der Ortslage erreichen und mit Wärme versorgen kann, die zu 80% in einer Holzhackschnitzel-Heizanlage erzeugt wird. Über den Sommer, wenn die Wärmeabnahme eher gering und die Erzeugung mit Holz eher unwirtschaftlich ist, könnte die Erzeugung über eine solarthermische Anlage, also Sonnenkollektoren ähnlich der weit verbreiteten PV-Anlagen, erzeugt werden. Hierfür würde eine Fläche mit ca. 5.000 – 10.000 m² benötigt.

Das Herz des Netzes, nämlich das Heizkraftwerk, könnte im Bereich der Albhalle stehen. Dort verfügt die Gemeinde über ausreichend große Flächen. Die Anlage selbst wäre kleiner als ein Einfamilienhaus, der notwendige Kamin wäre ca. 12 m hoch. „Solche Anlagen haben extrem gute Filter, weshalb sie deutlich weniger Luftschadstoffe produzieren als mehrere kleinere Holzheizungen mit der selben Menge an erzeugter Wärme“ berichtete Dürr-Pucher.

Neu ist dieses Konzept nicht: In vielen Gemeinden, beispielsweise in Ehestetten, aber auch in Jungnau, Veringendorf und Beuron im Nachbarlandkreis Sigmaringen, sind solche Anlagen bereits in Bau oder in Betrieb, Gomadingen und Mehrstetten sind in Planung.

Bei den Betreibern ist das Bild bunt gemischt: Mal sind es Bürgergenossenschaften, mal die Kommunen, es gibt gewerbliche Anbieter oder Stadtwerke benachbarter Kommunen. Bürgermeister Reinhold Teufel zeigt sich hier offen für alle Varianten: „Eine Genossenschaft, die nur auf eine Kostendeckung aus ist, wäre die günstigste Lösung – setzt aber genügend Freiwillige voraus, die sich in der Genossenschaft engagieren. Bei einer Trägerschaft der Gemeinde würde dies von der Gemeindeverwaltung erledigt, allerdings wäre für das eingesetzte Kapital auch eine – wenn auch moderate – Verzinsung anzusetzen. Am wenigsten preisgünstig, aber am bequemsten wäre ein gewerblich getragenes Nahwärmenetz“.

Die Vorteile einer Nahwärmelösung liegen auf der Hand: Eine gemeinsame Heizung ist effizienter, umweltfreundlicher und komfortabler als Einzelheizungen – und das unabhängig vom Brennstoff.

Wer bisher mit Öl heizt, kann am stärksten profitieren: Die CO2-Bepreisung wird weiter steigen, und langfristig ist der Ölpreis seit Mitte der 1990er Jahre auf das dreieinhalbfache gestiegen. Auffällig sind beim Öl auch die Ausschläge über die Jahre: Bis 2014 lag das Preisniveau sehr hoch. 2015 und 2016 gab es dann wieder Ausreißer nach unten. Weitgehend stabil blieb dagegen der Preis bei Hackschnitzeln, die aktuelle Situation im Wald legt die Vermutung nahe, dass das Preisniveau in den kommenden Jahren mindestens stabil bleibt, wenn die vielen Käferbäume nicht sogar für sinkende Preise sorgen.

Weitgehend standardisiert ist die technische Ausführung: Die Wärmeleitungen, meist kunststoffummantelte Stahlrohre, können im Straßenraum auch um Hindernisse herum verlegt werden.

In den angeschlossenen Gebäuden beschränkt sich die Technik auf einen Wanddurchbruch und die Übergabestation. Darin wird das meist um die 70°C warme Wasser des Nahwärmenetzes an das Heizungsnetz des Gebäudes übergeben – eine weltweit erprobte und wenig störungsanfällige Technik.

Besonders interessant ist das Angebot für alle, deren Heizung schon mehr als 15 Jahre auf dem Buckel haben: Früher oder später steht hier eine Ersatzinvestition an, die dann den Kostenvorteil des Nahwärmenetzes noch viel mehr deutlich machen würde. Generell kann gesagt werden, dass bei einem Umstieg von Öl auf Nahwärme die Heizkosten um 10-30% günstiger werden. Hinzu kommt, dass man sich nicht mehr um die Heizölbeschaffung und den Kaminkehrer kümmern muss und oftmals auch Räume im Haus frei werden: Wo bisher der Heizöltank steht, kann künftig anderes stehen.

Wer bisher mit Holz heizt, aus Zeit- oder Altersgründen aber eine Alternative sucht, könnte ebenfalls von einem Anschluss profitieren. Und selbst für bisher elektrisch beheizte Gebäude ist der Einbau eine wassergeführten Heizung nicht mehr so (kosten-) aufwändig wie dies früher war.

Ein besonderes Schmankerl für die Nahwärmekunden: Alle Grundstücke werden außerdem einen Glasfaseranschluss bekommen und so nicht nur die Möglichkeit zur Nutzung des blitzschnellen Internets haben, sondern auch den Wert ihrer Immobilie dauerhaft erhöhen.

Viele Fragen der Anwesenden machten deutlich, dass ein gewisses Grundinteresse gegeben ist. Der Gemeinderat wird voraussichtlich im Februar darüber entscheiden, ob das Quartierskonzept erstellt wird. BIs zum Jahresende dürften belastbare Ergebnisse vorliegen, so dass dann auch entschieden werden kann, ob es etwas wird, mit dem Nahwärmenetz in Pfronstetten!

Zum Nachlesen:

Präsentation Abrahim Dold

Präsentation Jörg Dürr-Pucher